
Sie beginnt in der Zeit zwischen 1908 und 1934, als die ersten Schweizer Siedler sich in der Provinz Misiones niederliessen. Die Legende vom "Grünen Gold" der Yerba Mate, lockte. Abenteuerlust und der Drang, neue Horizonte zu erobern, liessen das Urwaldgebiet am oberen Paranáfluss zum Auswanderungsziel werden. Vielversprechende Schilderungen der Pioniere erregten Aufsehen in der krisengeschüttelten Schweiz der dreissiger Jahre und weckten die Hoffnung einer grossen Zahl auswanderungswilliger Familien.
In der Folge ereignete sich eine eigentliche Auswanderungswelle nach Argentinien. Angehörige der verschiedensten Berufe liessen sich als Siedler im subtropischen Misiones nieder und versuchten ihr Glück in der Landwirtschaft. Fern der Heimat verspürten sie den Wunsch nach einer seelsorgerlichen Betreuung in ihrer Religion und Muttersprache.
Noch vor der eigentlichen Gründung der Kirchgemeinde beschloss der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, seinen fernen Landsleuten einen Pfarrer zu schicken. So überquerte Pfarrer Gottfried Rohner mit seiner vierköpfigen Familie inmitten der Kriegswirren den Atlantik. Ein kleineres Schiff brachte sie anschliessend von Buenos Aires 1200 Kilometer den Paranáfluss hinauf nach Posadas, wo sie Anfang 1944 eintrafen. In der kleinen Ortschaft Puerto Rico, im Zentrum der Provinz, liessen sie sich nieder.
Per Schiff, zu Pferd, per Velo und sehr häufig zu Fuss suchte der Pfarrer die zukünftigen Gemeindeglieder auf und begann die Kirchgemeinde zu organisieren. So kam es nach wenigen Monaten zur Gründung der Evangelischen Schweizerkirche in Misiones, Argentinien - von der Schweiz aus betreut durch den Kirchenbund. Das Gemeindegebiet umfasste praktisch die ganze Provinz von rund 30000 Quadrat-Kilometern.
Pfarrer Rohner erkannte bald, dass das "versprochene Paradies" für die meisten Siedler eine Illusion geblieben war. Gerade zum Zeitpunkt der grossen Einwanderungswelle wurde das Anpflanzen von Yerba Mate verboten wegen Überproduktion. Die Neuangekommenen mussten sich mit Jahreskulturen wie Mais, Tabak und Mandioka über Wasser halten. Klima und Bodenbeschaffenheit verlangten besondere Kenntnisse, welche die Einwanderer nicht mitbrachten. Ihnen bisher unbekannte Krankheiten (z. B. Malaria) traten auf. So war es nicht verwunderlich, dass manche Familien in Not gerieten. Der Pfarrer, welcher die Siedler auch auf weit abgelegenen Gehöften besuchte, bekam Einblick in ihre Probleme. Oft konnte er Hilfe bringen oder vermitteln. Er brachte die sich in der Fremde mit ihren Nöten und Sorgen verlassen fühlenden Landsleuten Hoffnung und Verständnis. Die gemeinsam gemeisterten Schwierigkeiten schufen unter den ausgewanderten Schweizern Zusammenhalt und Solidarität. Die Gemeinde festigte sich. Pfarrer Paul Wirth löste Rohner nach fünf Jahren in seiner Arbeit ab. Als 1956 Pfarrer Jürg Bäschlin das Amt übernahm, waren die Kinder der Auswandererfamilien herangewachsen, und die Eltern mussten sich um die Ausbildung der Kinder kümmern. Für den Primarschulunterricht hatten sie meist als Gemeinschaftswerk Holzhäuser erstellt, worauf der argentinische Staat die erforderlichen Lehrer (oft einen für 60 und mehr Schüler!) schickte. Was nun Not tat, war eine weiterführende Ausbildung, welche die Jugendlichen auf ihre Tätigkeit als Bauern vorbereitete und ihnen die Kenntnisse vermittelte, welche ihre Eltern so sehr vermisst hatten.
So entstand mit vielen Opfern an Zeit, Geld, Arbeit und Naturalien der Gemeindeglieder (später ergänzt durch die Hilfe aus der Schweiz, u. a. des HEKS) das Instituto Línea Cuchilla im leinen Ort Ruiz de Montoya. Von Anfang an öffnete die Ausbildungsstätte ihre Tore nicht nur den Söhnen und Töchtern der Schweizerkolonisten, sondern jedem Schüler, ungeachtet seiner Religion oder nationalern und sozialen Herkunft.
Das Institut wurde zuerst als landwirtschaftliche Fortbildungsschule geführt, später wurde ihm eine technisch-handwerkliche Ausbildung angegliedert. Heute vereinigt es eine landwirtschaftliche und eine technische Schule, welche mit einem Berufsabschluss gleichzeitig zum Abitur führen.
Pfarrer Jürg Bäschlin widmete 16 Jahre seines Lebens der Schweizerkirche in Misiones. Ihm folgten mehrere Pfarrer aus der Schweiz, welche Gemeinde und Schule weiter betreuten.
Im August 1994 feierte die Evangelische Schweizerkirche ihr 50 jähriges Bestehen. Gut ein Jahr nach dem Jubiläum tat sie einen weiteren Schritt in ihrer Geschichte: Sie trat der Evangelischen Kirche am Rio de la Plata bei.
Helga Würgler-Rüegger
Die Bezeichnung "Schweizerkirche" im Namen der Kirchgemeinde in Misiones erinnert heute vor allem an die Herkunft der Gründer und Gründerinnen dieser Kirche in den vierziger Jahren des 20 Jahrhunderts. Aus der Schweiz stammen heute gerade noch etwa ein Drittel der Gemeindeglieder. Die meisten Familien, die unsere Kirche mittragen, sind entweder aus Deutschland eingewandert oder von dort über Brasilien nach Misiones gekommen. Neben schweizerdeutsch reden viele ältere Leute alte deutsche Dialekte, so z.B. "hunsrückisch", wie sie sagen, weil ihre Vorfahren vor hundert Jahren aus der Gegend zwischen Rhein und Mosel vorerst nach Brasilien ausgewandert waren. Andere kamen aus dem Gebiet der Wolga in Russland oder aus Wolhynien (heute Ukraine), wo frühere Generationen aus Deutschland seit dem 18. Jahrhundert als Bauern und Händler gelebt hatten. Sie werden hier als "Russen" bezeichnet. Daneben gibt es kleinere Gruppen aus Estland, Finnland, Paraguay und Uruguay. Sie alle haben sich im Laufe der Zeit im Gebiet unserer Kirchgemeinde niedergelassen, ein Gebiet, das sich im zentralen Teil von Misiones auf etwa 60 Quadratkilometern am östlichen Ufer des Parana landeinwärts erstreckt.
Der überwiegende Teil der Familien lebt von der Landwirtschaft: Anbau von Yerba Mate, das in Argentinien und den umliegenden Ländern als Getränk in Massen konsumiert wird, Maniok, Zitrusfrüchte, Viehzucht und Aufforstung des gerodeten Urwaldes durch Pinien für die Papierindustrie. Der wirtschaftliche Wandel durch den Mercosur (wirtschaftlicher Zusammenschluss verschiedener lateinamerikanischer Länder) hatte bei den traditionellen Produkten einen massiven Preiszerfall zur Folge. Viele Familienbetriebe und die mit ihnen verbundenen Landarbeiterfamilien stehen zur Zeit am Rand des existenziellen Ruins. Junge Menschen stehen vor der Frage, ob sie, dem Beispiel ihrer Vorfahren folgend, weiterwandern sollen, oder zurück in die Länder, aus denen ihre Familien einst hierherkamen.
Das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Gemeinde gründet heute weniger auf der Tatsache, von europäischen Einwanderern abzustammen, sondern auf dem Willen, in einem vorwiegend katholisch geprägten und von Freikirchen und Sekten umworbenen Umfeld der evangelischen Kirche angehören zu wollen. Viele Gemeindeglieder beherrschen die Muttersprache ihrer Eltern und Grosseltern nicht mehr und sind in Mischehen verheiratet. Religiöse, kulturelle und nationale Eigenheiten verwischen sich und formen eine Gesellschaft mit multikultureller Prägung in dieser argentinischen Provinz zwischen Brasilien und Paraguay. Gottesdienste, Unterricht, Jugendarbeit finden praktisch nur noch in spanischer Sprache statt. Deutsche Kirchenlieder und vertraute Sprache der Lutherbibel werden immer seltener, klingen dann aber dafür bei den älteren Menschen als ein Stück der eigenen Glaubensgeschichte umso stärker nach.
Was heisst evangelisch sein mit dieser Geschichte und in diesem Land?
Eine erste Voraussetzung dazu ist die überzeugende, innerevangelische Ökumene, in der Reformierte aus der Schweiz und Lutheraner aus Deutschland voll zusammengewachsen sind. Dies kommt dadurch zum Ausdruck, das die Evangelische Schweizerkirche in Misiones seit einigen Jahren Mitglied im evangelischen Kirchenbund Iglesia Evangelica del Rio de la Plata (IERP) ist, in dem Gemeinden aus Argentinien, Uruguay und Paraguay zusammengeschlossen sind. In den Gottesdiensten überwiegt zwar das reformierte Element, aber auch die lutherische Tradition lebt weiter, etwa bei der Abendmahlsfeier oder im Wunsch vieler Gemeindeglieder, das apostolische oder nicänische Glaubensbekenntnis gemeinsam zu sagen.
Eine zweite Voraussetzung ist die ökumenische Zusammenarbeit mit den katholischen Pfarreien und mit Freikirchen, soweit dies möglich ist. Diese Zusammenarbeit hat sich an vielen Stellen gut eingespielt, z.B. in gemeinsamen Feiern, Bibelseminaren, in Stellungnahmen und Aktionen zu drängenden gesellschaftlichen Fragen. Das gemeinsame Zeugnis und Leben des Evangeliums durch die historischen Kirchen in einer Situation, in der gewachsene gesellschaftliche Bindungen und überlieferte Glaubensweisen immer mehr zerfallen zugunsten einer Zerstückelung, in der die Menschen nur noch auf sich selbst angewiesen sind, ist ein Gebot der Stunde. Dass christlicher Glaube ein gemeinsamer Glaube ist, der in den grossen Nöten in- und ausserhalb der Gemeinde verändernd und befreiend wirkt, ist eine der grossen Herausforderungen, vor denen auch die "Schweizerkirche" in Misiones steht.
Mit ihren beschränkten Mitteln versucht die Gemeinde in der drohenden Sprachlosigkeit zusammen mit den Menschen aus dem Evangelium die Sprache wiederzufinden und im drohenden Verlust der Perspektiven Hoffnung zu schöpfen. Sie tut dies neben der alltäglichen Gemeindearbeit auch in der landwirtschaftlichen und technischen Schule Linea Cuchilla mit etwa 400 internen und externen Schülerinnen und Schülern aus der ganzen Provinz und mit einer hoch motivierten Lehrerschaft und Schulleitung. Das Instituto Linea Cuchilla, eine reformierte Schweizergründung, ist heute in Misiones eine hochangesehene und geachtete Schule, die einen wichtigen Beitrag für die gemeinsame Bewältigung drängender schulischer, Probleme leistet. Die Gemeinde fördert überdies durch eine Schule die ortsansässige Urbevölkerung Guarani Mbya, in der zweisprachig in Guarani und Spanisch unterrichtet wird. Sie begleitet auch ein Gesundheitsprojekt und unterstützt durch den Ankauf von Kunsthandwerk diese unterdrückte und diskriminierte Bevölkerungsgruppe.
Pastor Martin Cunz