12. Juni 2007

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Die Schweizerkirche mit 150 Familien führt eine landwirtschaftliche und technische Schule mit über 400 Schülerinnen und Schülern, die in der ganzen Provinz Misiones bekannt ist. Die Schule ist mit 98% der weitaus grösste Posten in der Jahresrechnung der Kirche.

Hier einige Berichte von der Schule, die Frau Würgler geschrieben hat oder Schüler selbst:

Ich gehöre zu einer sechsköpfigen Familie, bestehend aus Mutter, Vater, zwei Brüdern, einer Schwester und mir. Die ganze Last für den Unterhalt der Familie ruht auf den Schultern meiner Mutter. Seit einem Unfall ist mein Vater stark behindert. Er erhält weder eine Rente noch Sozialhilfe. Wir wohnen in einem prekären Holzhaus. Zum Glück haben wir wenigstens elektrisches Licht. 

Leider hat auch mein Bruder kürzlich einen Unfall erlitten, so dass er zur Zeit nicht weiter lernen kann. Er hatte beide Hüftknochen ausgerenkt und musste operiert werden. Der rechte Oberarm und der Kieferknochen waren auch gebrochen. Mein Bruder darf sich vorläufig nur im Rollstuhl bewegen, bis er geheilt ist. Um ihn zu pflegen, musste meine Mutter ihre auswärtige bezahlte Arbeitsstelle aufgeben. Sie hat keinen Beruf erlernt, da sowohl sie wie auch mein Vater nur die Primarschule besuchen konnten. 

Ich selber leide seit meiner Kleinkinderzeit an rheumatischem Fieber. Seit 11 Jahren muss ich jeden Monat eine Penizillin-Spritze erhalten, welche jedes Mal 12 Dollars kostet. Bisher hatten wir eine Krankenversicherung über die Tabakpflanzer-Genossenschaft. Doch der Forst und familiäre Umstände haben uns dies Jahr daran gehindert, Tabak anzupflanzen, sodass wir ohne Krankenkasse bleiben werden. 

Wir haben ein paar Hühner und Kühe für den Eigenbedarf. Die landwirtschaftliche Produktion hilft knapp zum Überleben. 

Ich möchte einen technischen Beruf erlernen. Ich bin gerne Schüler am ILC. Das Institut hat im Gegensatz zu anderen Schulen Maschinen und Werkzeuge, welche uns nebst der theoretischen auch eine praktische Ausbildung ermöglichten. Wenn ich ausgelernt habe, möchte ich in einem Geschäft für elektrische Installationen und Reparaturen arbeiten. Aber zuerst muss ich meine Berufsdiplom als "Técnico electo-mecánico" erwerben und dazu bin ich auf ein Stipendium für weitere 3 Jahre am ILC angewiesen. 

Schüler, 15 Jahre

 

Ich bin die meiste Zeit des Jahres im ILC, nur einmal im Monat gehe ich nach Hause. Unser Haus ist im Wald gelegen, gebaut aus Holz und Backsteinen. In den Ferien arbeite ich mit meinem Vater. In den letzten Jahren pflanzten wir Tabak, aber der Preis ist sehr tief für die viele Arbeit. Man müsste mehr dafür erhalten. 

Wir können hier viele Früchte produzieren, z.B. Orangen, Bananen, Mandarinen und Papayas. Aber der Markt ist schlecht, die Distanzen sind zu gross und die Strassen nicht unterhalten und deshalb oft unpassierbar. Für eine Tonne Orangen erhält der Produzent zwischen 50 und 60 Dollars. Davon muss man noch die Transportkosten abrechnen.

Es bleibt uns immer weniger Geld zum Leben. Meine Familie kommt knapp durch dank Selbstversorgung mit Lebensmitteln. Für Ausbildung reicht das Geld nicht. Deshalb müssen wir Stipendien beantragen. 

Jaime

Die Wiederbegegnung mit dem ILC bewegt mich. Ich verdanke ihm so viel! Ihm und den Spendern der Stipendiengelder. Was wäre aus mir geworden ohne diese einmalige Chance, im ILC 6 Jahre zu lernen, menschlich, geistig und körperlich zu wachsen! Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, als das Schicksal meiner Eltern zu teilen, unseren steinigen Boden zu bearbeiten, Tabak zu pflanzen und mit dem mageren Erlös zu vegetieren. Das ILC hat meinem Leben Sinn und eine neue Richtung gegeben.

Ex Schüler und Theologie Student

 

Im Vergleich zum Misiones-Bauern ist der Schweizerbauer ein Herr! Man begegnet ihm mit Respekt! Bei uns ist der Landwirt auf einer niedrigen sozialen Rangstufe und es geht ihm entsprechend schlecht, obwohl er die Nahrung für die Höhergestellten produziert! Allerdings haben die meisten Bauern im Unterschied zur Schweiz keine berufliche Ausbildung - es sei denn, sie hätten das Glück gehabt, z. B. am ILC lernen zu Können.

Selbst die Hühner behandelt man in der Schweiz mit Respekt! Man sorgt dafür, dass sie genügend Raum haben. Nicht mehr als vier Hühner pro Quadratmeter ist vorgeschriebene Norm. Sie werden als Lebewesen behandelt, nicht nur als Fleischproduzenten. 

Auf der strecke Zürich-Bern gibt es eine Brücke mit dem einzigen Zweck, Wildtieren das gefahrlose Überqueren der Autobahn zu ermöglichen! Ein Zeichen ausserordentlichen Respekts gegenüber der natur. Bei uns fehlen sogar Sicherheitsvorschriften für die Menschen. 

In der Schweiz haben die Fussgänger Rechte! Die Fussgängerstreifen werden beachtet! Mit Haundaufheben kann ein Kind oder ein behinderter Mensch ein Auto stoppen.

In der Schweiz respektiert man den Schlaf des Nachbarn. Ich war an einem Geburtstag eingeladen. Das Fest begann um sechs Uhr abends und endete um elf Uhr, und das an einem Samstag!

Und noch verrückter: da werden auf einem Feld nahe der Strassen Blumen kultiviert. Wer will, kann ohne Aufsicht einen Strauss pflücken. Am Strassenrand liegt eine Preisliste auf, und der Kunde bezahlt, indem er die entsprechende Summe in ein Kässeli legt. Dasselbe passiert sogar mit Gemüsekulturen. Und es funktioniert! Das hat mir riesigen Eindruck gemacht! So viel gegenseitiges Vertrauen ist dort möglich!

Bevor ich in die Schweiz reiste, hatte ich hie und da Kommentare gehört, wie z. B.: der Schweizer ist berechnend! Er denkt immer an seinen Vorteil.

Ich habe das Gegenteil erlebt. Ich wurde mit grosser Liebe aufgenommen, vor allem von den Personen, welche früher einmal in Linea Cuchilla gearbeitet hatten und eine Zeit ihres Lebens unserer Schule oder Kirche gewidmet haben und diese auch weiter unterstützen. Sie haben nicht darauf geschaut, ob ich arm oder reich sei. Ich komme aus einer einfachen Bauernfamilie. Diese Leute aber haben mich aufgenommen wie einen Sohn!

Ing. Agr. und Ex Schüler und Lehrer Victor Pellizzer nach seinem Aufenthalt in der Schweiz